Russlands geopolitische Strategie in Richtung Asien und „Globalen Süden“

Russlands geopolitische Strategie in Richtung Asien und „Globalen Süden“

von Rainer Rupp

erschienen am 26. Juli 2024 auf apolut

Russlands und Chinas Rolle in BRICS und SCO stellen einen Gegenpol zum westlichen Einfluss dar. Ihre Integration in BRICS und in die Shanghai Cooperation Organization (SCO) stellen bedeutende Entwicklungen im globalen Widerstand gegen den destruktiven Einfluss der westlichen „Regel-basierten Internationalen Ordnung“ dar. Diese Analyse untersucht Russlands Rolle in diesen Organisationen, die Auswirkungen auf die eurasische Geopolitik und wie diese Allianzen eine neue multipolare Welt formen.

Russlands Neuausrichtung nach Asien spiegelt die breiteren strategischen Ziele wider, weg von Europa hat es seine wirtschaftlichen Partnerschaften diversifiziert und seinen geopolitischen Einfluss gestärkt. Historisch gesehen war Russland eng mit Europa verbunden, aber seit dem US-finanzierten und organisierten Maidan-Putsch in Kiew vor zehn Jahren haben die Spannungen mit dem zunehmend kriegslüsternden Westen rasant zugenommen und spätestens mit der westlichen Verhängung der „Sanktionen aus der Hölle“ hat sich die russische Zuwendung in Richtung Asien weiter beschleunigt. Diese Neuausrichtung ist durch gestärkte Beziehungen zu China, Indien und zu anderen asiatischen Nationen gekennzeichnet, was die Schaffung einer multipolaren Weltordnung erleichtert.

Die Bedeutung von BRICS

BRICS, ein Akronym für einen Wirtschaftsblock bestehend aus Brasilien, Russland, Indien, China und Südafrika, repräsentiert eine kollektive Anstrengung, die wirtschaftliche Zusammenarbeit und den politischen Dialog zwischen aufstrebenden Volkswirtschaften vor allem im Globalen Süden zu fördern, wobei auch europäische Staaten nicht ausgeschlossen sind, wie z.B. Ungarn, Serbien und die Türkei, die ebenfalls Interesse angemeldet haben. Die wichtigsten nicht-europäischen Länder, die offiziell einen Antrag gestellt oder Interesse an einem Beitritt zu den BRICS gezeigt haben, umfassen:

  1. Argentinien

  2. Algerien

  3. Bangladesch

  4. Ägypten

  5. Äthiopien

  6. Indonesien

  7. Iran

  8. Kasachstan

  9. Nigeria

  10. Saudi-Arabien

  11. Senegal

  12. Thailand

  13. Türkei

  14. Vereinigte Arabische Emirate

  15. Venezuela

Diese Liste spiegelt eine vielfältige Gruppe von Ländern aus verschiedenen Kontinenten und wirtschaftlichen Hintergründen wider, was auf den wachsenden Einfluss der BRICS als globalem Wirtschaftsblock hinweist. Die offizielle Erweiterung der BRICS wird jedoch von verschiedenen Faktoren abhängen, einschließlich wirtschaftlicher Kriterien, geopolitischer Überlegungen und einem Konsens unter den derzeitigen Mitgliedsländern.

Für Russland ist BRICS eine Plattform zur Zusammenarbeit in wirtschaftlichen, politischen und sicherheitsrelevanten Fragen und bietet eine Alternative zu westlich dominierten Institutionen wie dem Internationalen Währungsfonds und der Weltbank.

Was die wirtschaftliche Zusammenarbeit innerhalb von BRICS betrifft, so arbeitet Russland zusammen mit den anderen Gründungsmitgliedern an verschiedenen wirtschaftlichen Initiativen, einschließlich an der Neuen Entwicklungsbank (NDB), die Infrastrukturprojekte in den Mitgliedstaaten finanziert. Diese Zusammenarbeit reduziert die Abhängigkeit von westlichen Finanzsystemen und fördert das gegenseitige wirtschaftliche Wachstum.

BRICS bietet zugleich ein Forum für politischen Dialog, in dem Mitgliedstaaten globale Themen diskutieren und koordinieren. Diese kollektive Haltung stärkt Russlands Einfluss auf die Gestaltung internationaler Normen und Richtlinien. Zugleich stellt BRICS die Unipolarität der globalen Führung durch die US-diktierte „Regeln Basierte Internationale Ordnung“ in Frage, indem es z.B. gemeinsam mit China für eine ausgewogenere und inklusivere internationale Ordnung eintritt. Russlands Beteiligung unterstreicht sein Engagement für eine multipolare Welt und stellt damit für den Globalen Süden einen Gegenpol zur westlichen Hegemonie dar.

Die Rolle der Shanghai Cooperation Organization (SCO)

Die SCO, die 2001 von China, Russland und mehreren zentralasiatischen Ländern gegründet wurde, konzentriert sich auf politische, wirtschaftliche und sicherheitsbezogene Zusammenarbeit. Die Erweiterung der Organisation um Indien und Pakistan hat ihre Rolle in der regionalen Stabilität und Zusammenarbeit weiter gefestigt.

Die SCO betont die regionale Sicherheit durch gemeinsame Militärübungen und den Austausch von Geheimdienstinformationen. Für Russland ist diese Zusammenarbeit entscheidend im Kampf gegen Terrorismus, Separatismus und Extremismus in Zentralasien. Auch im wirtschaftlichen Bereich ist die SCO aktiv. Sie fördert die wirtschaftliche Integration unter den Mitgliedstaaten, indem sie Handel, Investitionen und Verkehrsverbindungsprojekte zwischen den Mitgliedern vorantreibt. Russland profitiert von dieser Integration durch die Verbesserung seiner Handelsrouten und wirtschaftlichen Beziehungen zu Asien.

Zugleich dient die SCO auch als diplomatische Plattform, auf der Russland mit anderen großen asiatischen Mächten, insbesondere China und Indien, in Kontakt treten kann. Dieses Engagement ist für Russlands breitere Strategie zur Balance des westlichen Einflusses von entscheidender Bedeutung.

Die Russland-China Partnerschaft

Der Eckpfeiler von Russlands Neuausrichtung nach Asien ist die strategische Partnerschaft mit China. Diese Beziehung, die durch gemeinsame Interessen und geopolitische Ziele gekennzeichnet ist, spielt sowohl in BRICS als auch in der SCO eine entscheidende Rolle. Sie ist praktisch der Kitt, der das Gebilde BRICS und SCO zusammenhält und mit jeder weiteren Vertiefung der russisch-chinesischen Beziehungen für weitere Anwärter auf Mitgliedschaft noch attraktiver macht.

Die wirtschaftliche Partnerschaft zwischen Russland und China umfasst umfangreiche Handelsabkommen, Energiekooperation und gemeinsame Infrastrukturprojekte. Die Power of Siberia-Gaspipeline und andere Energieprojekte unterstreichen die wechselseitige Abhängigkeit der beiden Nationen.

Zwischen Russland und China herrscht ein hoher Grad von Politischer Übereinstimmung, auch wenn das nicht für alle Probleme gilt, z.B. in den Beziehungen zu Vietnam. Bei Kerninteressen herrscht jedoch Konsens, was insbesondere bezüglich der Einschätzung der Aggressivität der USA und ihrer Vasallen gilt. Russland und China teilen auch ihre Ablehnung gegen die „Regel Basierten Internationalen Ordnung“, die der Westen seit Jahrzehnten den meisten Ländern der Welt mit Hilfe von wirtschaftlichen und finanziellen Erpressungen und Sanktionen oder gar mit militärischen Drohungen und Krieg aufgezwungen hat.

Russland und China verfolgen das gemeinsame Ziel, diese unipolare Ausbeuterwelt des Westens in eine multipolare Welt umzugestalten, wobei sie westlichen Interventionismus, egal welcher Art, strikt ablehnen. Diese Übereinstimmung stellt das Rückgrat der Zusammenarbeit in BRICS und der SCO dar.

Die militärische Zusammenarbeit umfasst ein breites Spektrum

Das umfasst z.B.

  • militärische Kooperation und Anpassung auf Gebieten wie Strategie und Taktik, wo für China aktuell die Lehren aus dem US-Stellvertreterkrieg in der Ukraine auf dem Lehrplan stehen.

  • Aber auch in anderen Bereichen hat Russland viel zu bieten, wie z.B. seine Weltführerschaft in integrierten Luftabwehrsystemen, samt Taktik ihrer Anwendung.

  • Im Bereich der elektronischen Abwehr und Kriegsführung liegen die Russen ebenfalls einsam an der Weltspitze.

In Zusammenarbeit mit der gigantisch-großen elektronischen Industrie Chinas und unter Nutzung deren Spitzentechnologien könnten die revolutionären militär-technologische Produkte der Russen gemeinsam mit China weiterentwickelt werden. Gegen die imperialistischen Raubtiere aus dem Westen könnte auf diese Weise die im Entstehen begriffene, friedlichere und gerechtere multipolare Welt auf Generationen hin unangreifbar gemacht werden.

Bei inzwischen regelmäßigen gemeinsamen Militärübungen verbessern Russland und China bereits seit geraumer Zeit ihre strategischen Fähigkeiten, um externe Bedrohungen, insbesondere aus dem Westen, abzuschrecken. Im Jahr 2023 fand z.B. das groß angelegte russisch-chinesische Marinemanöver vor der Küste von Wladiwostok unter dem Codenamen “Gemeinsames Meer 2023” statt. Diese Übungen konzentrieren sich insbesondere auf die Bereiche Seeverteidigung, U-Boot-Abwehr sowie Such- und Rettungseinsätze.

Derart groß angelegte Marineübungen zwischen Russland und China sind inzwischen üblich. Sie zielen darauf ab, die Interoperabilität und strategische Zusammenarbeit zwischen den beiden Kriegsmarinen und auch russischen Luftstreitkräften zu verbessern, was die Vertiefung der militärischen Beziehungen zwischen Russland und China im Rahmen ihrer umfassenderen strategischen Partnerschaft widerspiegelt. Denn bei diesen integrierten Manövern kommen auf beiden Seiten auch militärische Spitzentechnologie zum Einsatz, deren streng geheimen Fähigkeiten gegenüber dem jeweiligen Partner offengelegt werden müssen, weil sonst im Ernstfall die unterschiedlichen Systeme nicht optimal gegen den Gegner zusammenarbeiten können.

Bei der Übung „Gemeinsames Meer 2023″ mussten z.B. Spitzentechnologien des chinesischen Flaggschiffs, auf dem sich der gemeinsame Kommandostand für das gesamte Manöver befand mit Einheiten der russischen Luftwaffe zusammenarbeiten, die ebenfalls über neuste, streng geheime Waffenfähigkeiten verfügten. Damit das funktioniert, müssen bereits im Voraus auch die neuesten militärischen Fähigkeiten der jeweiligen Waffensysteme offengelegt und in die russischen und chinesischen Computer der jeweiligen Kommandozentralen eingegeben werden. Nur so ist der kombinierte Einsatz der jeweiligen Waffensysteme möglich und nur so können Fehlentscheidung vermieden werden.

Die Tatsache, dass bei diesen Manövern streng geheime militärische Informationen ausgetauscht werden, zeigt auf welch hohem Niveau das gegenseitige Vertrauen zwischen dem chinesischen und russischen Militär angekommen ist.

Auswirkungen auf die Eurasische Geopolitik

Die Integration Russlands in BRICS und die SCO verändert die eurasische Geopolitik auf verschiedene Weise:

  • Erstens, diese Organisationen fördern eine stärkere Integration innerhalb Eurasiens, indem sie die Konnektivität und wirtschaftliche Interdependenz unter den Mitgliedstaaten verbessern. Russland spielt eine zentrale Rolle bei dieser Integration und nutzt seine geografische und strategische Position.

  • Zweitens, die Sicherheitskooperation innerhalb der SCO bietet ein Gegengewicht zum Einfluss der NATO in der Region. Russlands Führungsrolle in der SCO stärkt seine Position als wichtiger Sicherheitsakteur in Eurasien.

  • Drittens, durch die SCO erhält Russland erheblichen Einfluss in Zentralasien, einer Region, die für seine Sicherheits- und Wirtschaftsinteressen von entscheidender Bedeutung ist. Dieser Einfluss ist gewichtig für die Abwehr potenzieller Bedrohungen und die Förderung regionaler Stabilität.

  • Viertens, Im Gegensatz zu dem absteigenden Europa repräsentiert BRICS eine Koalition großer aufstrebender Volkswirtschaften, die sich für die Interessen des globalen Südens einsetzen. Russlands Beteiligung unterstreicht sein Engagement für die Solidarität des globalen Südens und stellt die Dominanz der westlichen Mächte in Frage.

Russlands strategische Neuausrichtung nach Asien und seine aktive Teilnahme an BRICS und der SCO stellen eine bedeutende Entwicklung im Widerstand gegen den westlichen Einfluss dar. Diese Allianzen fördern in den wichtigsten Wachstumsregionen der Welt die wirtschaftliche Zusammenarbeit, die sicherheitspolitische Zusammenarbeit und den politischen Dialog und tragen zur Bildung einer multipolaren Welt bei. Europa, unter Führung der EU in Brüssel, die ihre Befehle aus Washington bekommt, hat sich aus diesen florierenden Märkten der Zukunft selbst ausgeschlossen, während Russland seine Beziehungen zu asiatischen Nationen stärkt und sich in diese Organisationen integriert. Damit erhöht es seinen geopolitischen Einfluss und trägt zu einer ausgewogeneren und inklusiveren globalen Ordnung bei. Die Auswirkungen auf die eurasische Geopolitik sind tiefgreifend und verändern die regionalen Dynamiken, beenden die Unipolarität der westlichen Hegemonie und stellen Europa abgeschlagen in die Ecke.